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Erfahrungsbericht 2001


 

 

Geheimtipp: die Augsburger Stage für "Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht"

Puppenkiste, verschlafener "Vorort" von München, schwäbische Borniertheit..... und bestenfalls Stadt von historischem Interesse, dies sind wohl die gängigen Vorurteile gegenüber Augsburg - weit gefehlt ! Dass auch das Studium an der dortigen Juristischen Fakultät vielfältige Qualitäten und Vorteile hat (Siehe den ausführlichen Bericht von Kober/Prem, Die Juristische Fakultät der Universität Augsburg, JuS 1999, S. 1245.), hat sich ebenfalls noch nicht ausreichend herumgesprochen. Stadt und Universität bieten hingegen nicht nur für Studenten ein positives Studienklima, auch für Referendare existiert nunmehr seit mehreren Jahren ein exklusives Angebot: die Augsburger Stage für "Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht" (Siehe auch die Erfahrungsberichte der letzten Jahre: Gründler, Als Referendar zurück an die Uni - Die Referendarstage "Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht" an der Universität Augsburg, JuS 11/2000, S. XIII; Drechsel, Die Referendarstage zum Europäischen und Internationalen Wirtschaftsrecht in Augsburg JuS 1999, S. 1247; Sandweg/Kleffel, Zurück an die Uni, JuS 12/1998, S. XV.).

Die unter Leitung von Prof. Dr. Thomas M.J. Möllers als Direktor des Instituts für Europäische Rechtsordnungen stehende Stage bietet die Möglichkeit, eine Zusatzqualifikation im Wirtschaftsrecht unter besonderer Berücksichtigung seiner europäischen und internationalen Bezüge zu erwerben. Sie fand auch dieses Jahr wieder - traditionell - von Mitte Juni bis Ende Juli statt. Sie richtet sich in erster Linie an bayerische Referendare des Schwerpunktes 5 "Internationales Recht und Europarecht", die dadurch einen Teil ihrer Wahlstation ableisten können, steht daneben aber auch allen anderen Referendaren sowie interessierten Studenten offen, die ihre Kenntnisse im Internationalen Privatrecht und Europarecht vertiefen möchten. Um die intensive und fruchtbare Arbeitsatmosphäre und das äußerst gute (Zahlen-) Verhältnis zwischen Dozenten und Teilnehmern aufrechtzuerhalten, musste die Teilnehmerzahl auf 30 begrenzt werden. Dieses Jahr nahmen neben gut 20 Referendaren aus mehreren Bundesländern auch vier Studenten an der Stage teil.

Zum Erwerb des aussagekräftigen Zeugnisses, das sicherlich die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für junge Juristen erhöhen dürfte, sind der Besuch von Vorlesungen und Vortragsveranstaltungen im Umfang von 20 Semesterwochenstunden erforderlich. Das Angebot umfasst dabei vier Schwerpunktbereiche: Neben Vorlesungen zum Europarecht und zum Internationalen Privatrecht finden rechtsvergleichende Vorlesungen und eine Praktikerreihe statt.

Das Europarecht wurde vor allem durch Vorlesungen von Prof. Dr. Möllers abgedeckt. Dabei stand jedoch nicht die übliche Perspektive des Öffentlichen Rechts, das vornehmlich Europas Institutionen, das Rechtsschutzsystem vor dem EuGH, sowie das Verhältnis des Europarechts zum nationalen Verfassungsrecht akzentuiert, im Vordergrund. Vielmehr wurde die Bedeutung des Europarechts für die nationalen Zivilrechtsordnungen betont. So behandelten zahlreiche Vorlesungen den Einfluss von Primär- und Sekundärrecht auf das nationale bürgerliche Recht, das Handels-, Gesellschafts- und Wertpapierrecht, das Arbeits- und Sozialrecht, sowie das Kartellrecht. Deutlich wurde dabei vor allem, dass sich in Zukunft auch die Arbeit eines deutschen Zivilrechtlers (Richter wie Anwalt) nicht darauf beschränken kann, das nationale Recht zu kennen. Im Gegenteil wird man das nationale Recht in entscheidenden Bereichen nicht mehr ohne das zugrundeliegende Europarecht sehen können. Insofern wird die Arbeit mit Europäischen Richtlinien integraler Bestandteil der Rechtsanwendung der Zukunft werden. Gerade als junger Jurist lohnt es sich, von Anfang an dabei zu sein.

Traditioneller, wenn auch nicht weniger interessant und anspruchsvoll waren die Vorlesungen von Prof. Dr. Behr zum Internationalen Privatrecht. Internationales Zivilprozessrecht, Internationales Handels- und Gesellschaftsrecht und UN-Kaufrecht stellten wegen der geringen Vorkenntnisse wohl die größte Herausforderung an die Stagenteilnehmer dar. Auch in diesem Bereich wurde vor Augen geführt, dass die internationalen Verflechtungen der Wirtschaft in immer stärkerem Maße dazu führen, dass das ausschließliche Beherrschen des nationalen Rechts zukünftig wohl kaum ausreichen wird, um Mandanten zu beraten oder Rechtsstreitigkeiten zu entscheiden. Die zunehmende Globalisierung wird diese Entwicklung noch weiterhin verstärken.

Flankiert wurden beide Bereiche durch jeweils einen Klausurenkurs. Diese unterstützten die Vorlesungen nicht nur durch praktische Anwendung des Erlernten, sondern bereiteten darüber hinaus auch auf das Bestehen jeweils einer Klausur im Europäischen Wirtschaftsrecht und Internationalen Privatrecht vor. Neben diesen zwei Klausuren war eine mündliche Prüfung zu einer vom Teilnehmer zu wählenden Vorlesung, sowie die Teilnahme an einem von vier möglichen Seminaren erforderlich. Ersetzt werden kann die Seminarteilnahme jedoch durch das Ablegen zweier weiterer mündlicher Prüfungen. Dies bietet sich vor allem für diejenigen Referendare an, die bis Mitte Juni die schriftlichen Klausuren zum zweiten Staatsexamen hinter sich gebracht haben. Auch dann empfiehlt sich jedoch die Seminarteilnahme, da dabei nicht nur wissenschaftlich intensiv gearbeitet wird, sondern auch persönliche Kontakte zu anderen Teilnehmern wie auch Dozenten vertieft werden können.

Besonderes Highlight der Stage war eine hochkarätige Vortragsreihe. Zu insgesamt 11 Vorträgen konnten Rechtsanwälte aus Großkanzleien wie "Boutiquen", Unternehmensjuristen (z.B. von DaimlerCrysler, HypoVereinsbank) und ausländische Wissenschaftler gewonnen werden. Die Vortragsthemen waren ausnahmslos aktuell, z.B. "Lock-up Vereinbarungen mit Aktionären und Folgen von Verstößen" (am Fall EM-TV). Für die Stageteilnehmer eröffneten sich hierdurch nicht selten neue Perspektiven (Promotionsthemen, zukünftige Berufsfelder, lukrative Nischen, Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern etc.) und auch den Referierenden machte die angeregte Diskussionsatmosphäre sichtbar Spaß. Ein besonderes kulinarisches Highlight waren die auf die Vorträge der Kanzleien folgenden Abendessen, die nicht selten bis tief in die Nacht andauerten und einem zwanglosen und authentischen gegenseitigen Kennenlernen dienten.

Last but not least bot die Stage auch noch vielfältige Möglichkeiten, über den nationalen Tellerrand hinaus in andere Rechtsordnungen zu blicken. In ungewöhnlicher Dichte konnten Einführungsvorlesungen in das angloamerikanische Zivil- und Wirtschaftsrecht, das französische Wirtschafts- und Verwaltungsrecht, sowie in das italienische Recht besucht werden. Nach Augsburg angereist waren dazu eigens namhafte Dozenten aus Albany (New York), Malibu (Kalifornien), Sheffield, Lyon, Nizza, und Bologna. Die Vorlesungen fanden durchweg in der jeweiligen Landessprache statt, so dass hier nicht nur Fremdsprachenkenntnisse vertieft, sondern auch die Arbeits- und Argumentationsweise ausländischer Wissenschaftler kennengelernt werden konnte. Insgesamt sucht eine derartige Bandbreite ausländischer Dozenten wohl ihres gleichen.

Jedoch hat Augsburg nicht nur Juristisches zu bieten. In der unvergleichlichen Altstadt mit bedeutenden Renaissancebauwerken und ausgedehnten mittelalterlichen Handwerkervierteln, in der Fuggerei als weltweit ältestem sozialem Wohnungsbau und in zahlreichen Museen atmet man überall Geschichte. Nichtsdestotrotz besitzt Augsburg eine äußerst lebendige Biergarten- und Kneipenszene und zahlreiche Sport- und Freizeitmöglichkeiten in der Umgebung. Der Juli ist zudem in Augsburg der Kulturmonat schlechthin. Nahezu gleichzeitig finden vier Kulturfestivals statt: ein internationales Jazz-Festival, das internationale Kleinkunst- und Theaterfestival La Piazza, die Augsburger Puppenspieltage und die Festspiele in der Freilichtbühne am Roten Tor mit Theater, Oper und Konzerten. Die Zeit außerhalb der modern gestalteten Fakultätsgebäude auf dem Uni-Campus mit juris- und WestLaw-Zugang wird also keinesfalls lang.

Die Stage, die auch 2002 vom 17.6 bis 20.7 stattfinden wird, kann also jedem unbedingt empfohlen werden, der sich für Wirtschaftsrecht, Internationalität und Praxisbezug interessiert. Der Zeiteinsatz von sechs Wochen und das Teilnahmeentgelt von 200 Euro (Bayerischen Referendaren werden die Teilnahmekosten i.H.v. 200,- Euro erstattet) lohnen sich. Die Wohnungslage ist in Augsburg zudem derart entspannt, dass mühelos eine Bleibe für die sechs Wochen zu finden ist.

Unter einem weiteren Blickwinkel ist die Stage denjenigen zu empfehlen, die bereits während des Studiums im Ausland studiert haben: Die im Rahmen der Stage erbrachten Leistungen können bereits den ersten Schritt auf dem Weg zu einem LL.M. darstellen. Im Anschluss an die Stage besteht nämlich die Möglichkeit, an dem zum WS 2001/2002 neu eingerichteten Magisterstudiengang "Recht der internationalen Wirtschaft und der Informationstechnologie", teilzunehmen. Diese Option steht Juristen offen, die neben einem mindestens befriedigenden Examen bereits im Ausland studiert haben. Ferner sind gehobene Fremdsprachenkenntnisse nachzuweisen, z.B. durch eine absolvierte Fremdsprachenausbildung oder den TOEFL (mind. 250 bzw. 600 Punkte). Die Stage ist inhaltlich und organisatorisch mit dem Magisterstudiengangs verwoben, so dass es möglich sein wird, bereits während der Stage einen Teil der zur Erlangung des LL.M. erforderlichen Leistungen zu absolvieren und damit "zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen".

Ausführliche Informationen zur Ausbildung und zu den Veranstaltungen sowie zu dem neuen LL.M.-Studiengang der Juristischen Fakultät können unter der nachstehenden Adresse oder im Internet unter der Web-Adresse der Augsburger Stage abgerufen werden. Bewerbungen nimmt ab sofort der Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Wirtschaftsrecht, Europarecht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung von Herrn Prof. Dr. Thomas M. J. Möllers Universitätsstr. 2, 86135 Augsburg (Tel. 0821- 598- 4516), entgegen.

Stephan Schill, Augsburg, und Albrecht Wendenburg, Berlin